Navigation überspringen
 
28.4. - 7.5.2017

HerausGerufen

Leitwort Heilig-Rock-Tage 2017

Der Heilige Rock

Wallfahrt 2012 - Bischof Stephan Ackermann vor dem Schrein
Bischof Stephan Ackermann vor dem Schrein

Die im Trierer Dom aufbewahrte Reliquie ist der Tradition gemäß das ungeteilte Gewand Jesu Christi. Wie das Johannesevangelium berichtet, wurde ein Teil der Gewänder Jesu nach dessen Kreuzigung verteilt, der Leibrock Jesu indessen verlost, da er den Soldaten für eine Zerteilung zu kostbar erschien. Denn er war „von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht“ (Joh 19,23). Ob die Reliquie in Trier wirklich das Gewand Christi, ist lässt sich exakt weder mit historischen, noch mit naturwissenschaftlichen Methoden beweisen. Die Überlieferung besagt, dass Flavia Julia Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, die Tunika Christi vom Heiligen Land nach Trier gebracht hat.

Helenas Reise ins Heilige Land ist historisch verbürgt. 327 oder 328 reiste die damals schon hochbetagte Mutter des Imperators ins Heilige Land. Allerdings war diese Reise nicht nur eine Pilgerfahrt, sondern hatte auch politische Ziele. Für die konstantinische Dynastie sollte Helena in den erst kurz zuvor Konstantins Gegnern entrissenen Provinzen Präsenz zeigen. Dass sie dort im Schutt des Berges Golgatha das Kreuz Christi gefunden habe, geht auf die Berichte der Bischöfe Gelasius von Caesarea und Ambrosius von Mailand zurück. Vom Heiligen Rock ist in diesen spätantiken Berichten nicht die Rede. Das älteste Zeugnis für die Annahme, dass Helena den Heiligen Rock nach Trier brachte, findet sich in den Gesta Treverorum, der trierischen Chronik des frühen 12. Jahrhunderts.

Die bewegte Geschichte und ungeeignete Konservierungsmethoden haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass sich der ursprüngliche Zustand des Heiligen Rocks stark verändert hat. So wurden zu jeder Epoche anlässlich der Wallfahrten Ausbesserungen und Schutzmaßnahmen am Stoff vorgenommen. Genauere Kenntnisse über den archäologischen Zustand der Reliquie gibt es erst seit den detaillierten Untersuchungen durch Spezialistinnen der Schweizer Abegg-Stiftung aus Riggisberg bei Bern aus dem Jahr 1973.

Das Ergebnis lautet kurz gefasst so: Die ältesten Teile der Tunika, deren Alter durchaus bis ins erste Jahrhundert zurückreichen könnte, befinden sich in einem Konglomerat aus Textilschichten die, wie ein „Sandwich“ aufgebaut sind. Der älteste und kostbarste Stoff liegt in der Mitte. Die stützenden Stoffe liegen darunter und darüber. Der älteste Stoff in der Mitte ist ein verfilzter Wollstoff. Das, was man sieht, ist nicht die Reliquie selbst, sondern man sieht hüllende Stoffe oder anders ausgedrückt, ein textiles Reliquiar, ähnlich wie eine normale Reliquie in einem Metallreliquiar eingeschlossen ist.

Kleine Geschichte der Tunika Christi

Von Helena bis 1512

Die Geschichte des Heiligen Rockes, der Tunika Christi, ist von ihren Anfängen bis zum Mittelalter dunkel. Die Frage, ob die Tunika echt oder falsch ist, mag für den heutigen Zeitgenossen ein wichtiges Kriterium sein, kann in der historischen Betrachtung aber nicht eindeutig beantwortet werden. Sicher bezeugt ist die Geschichte des Heiligen Rockes ab dem 12. Jahrhundert.

So war das Datum "1. Mai 1196" Anlass für die Bistumswallfahrt 1996. Vor 800 Jahren fand die Weihe des Hochaltars im damals neu errichteten Ostchor des Trierer Domes durch Erzbischof Johann I statt, der in diesem Altar den Heiligen Rock eingeschlossen hatte. Wie der Heilige Rock nach Trier kam und ob das Gewand Christi echt ist, ist wissenschaftlich nicht mehr nachzuweisen. Die Überlieferung sagt, die Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, habe die Tunika Christi bei ihrer Pilgerfahrt in Jerusalem gefunden und anschließend der Trierer Kirche geschenkt.

Der Mönch Altmann von Hautvillers verfasste im 9. Jahrhundert eine Lebensbeschreibung der Flavia Julia Helena; darin nennt er Trier als ihren Geburtsort. Weder schriftliche Quellen, Münzen, Inschriften noch große kaiserliche Bauwerke in Trier können diese Behauptung verlässlich belegen. Im Mittelpunkt der spätantiken und mittelalterlichen Überlieferung von Helenas Pilgerfahrt Anfang des 4. Jahrhunderts steht allerdings die Auffindung des Heiligen Kreuzes. Vom Heiligen Rock ist zunächst nicht die Rede. Die Tunika Christi taucht erstmals in den "Gesta Treverorum" und der Deutschen Kaiserchronik aus dem 12. Jahrhundert auf. Auch diese Beschreibungen sind Legenden von der Auffindung des Heiligen Rocks. Es wurde ein geschichtliches Ereignis erfunden, um einen Tatbestand zu erklären und Tradition und Ansehen zu schaffen. Die Aussagen zum Heiligen Rock und die Verbindung der Helena mit Trier sind nur im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Trierer Kirchenpolitik und den damit verbundenen Herrschafts- und Machtansprüchen zu verstehen.

Den ersten historisch nachgewiesenen Ansatz finden wir im Datum 1. Mai 1196, als der Heilige Rock vom Westchor zum Hauptaltar des Domes geführt wurde. Wie lange die Tunika im Westchor vorher aufbewahrt worden war, wissen wir nicht. Auch von 1196 an bis zu dem Jahr 1512 schweigen wieder die Quellen zum Heiligen Rock. Von hier an kommt Licht ins Dunkel der Überlieferung. Kaiser Maximilian (1493-1519) war zu einem Reichstag nach Trier gekommen und verlangte das Gewand zu sehen. Dem damaligen Erzbischof Richard von Greiffenklau (1511-1531) scheint es schwer gefallen zu sein, sich zur Öffnung des Altars  zu entschließen. Dennoch ließ er am 14. April 1512 im Beisein des Kaisers und vieler Bischöfe und Prälaten den Hochaltar öffnen. Die Zeigung des Heiligen Rocks und das Öffnen des Altars ist auf zwei Holzschnitten festgehalten. Einer davon stammt von Albrecht Dürer.

Auch das Volk wünschte nun, den Heiligen Rock zu sehen. Dieser Bitte wurde entsprochen und die Nachricht verbreitet sich so schnell, dass eine große Wallfahrt entstand; die erste ihrer Art. Jährliche Wallfahrten fanden nun bis 1517 statt. Von 1524 bis 1545 bekam die Ausstellung des Heiligen Rock einen Rhythmus von sieben Jahren. Die nächsten Wallfahrtstermine fielen kriegerischen Ereignissen zum Opfer. Danach gab es noch eine Reihe "privater Zeigungen" für hochgestellte Persönlichkeiten, wobei die Kunde sich natürlich schnell verbreitete und viele Menschen zum Dom kamen, um den Heiligen Rock zu sehen.

Die Tunika seit 1512

Im 17. Jahrhundert wurde der Heilige Rock infolge kriegerischer Ereignisse auf dem Koblenzer Ehrenbreitstein und in Köln in Gewahrsam gehalten, ehe die Reliquie 1655 erneut gezeigt wurde.

Von einer Wallfahrt 1655 existiert ein ausführlicher Bericht, aus dem u. a. zu erfahren ist, daß vor dem Westturm des Domes ein großes Gerüst wie eine Schaubühne errichtet wurde, auf das man vom Inneren des Nikolauschores aus über eine Treppe gelangen konnte. Während ein großer Teil des Klerus auf der Bühne Platz nahm, wurde der Heilige Rock in einem Kasten an einer Stange hängend und wegen des Windes mit Seitenbändern befestigt, den Pilgern gezeigt.

Der Heilige-Rock weilte von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an nicht mehr ununterbrochen im Dom zu Trier. Trier, eine Schnittstelle von Machteinflüssen, hat immer wieder unruhige Zeiten erlebt. Damit die hochgeschätzte Reliquie nicht zerstört oder geraubt werden konnte, kam es zu Auslagerungen des Heiligen Rocks. So in den unsicheren Jahren der "Franzosenkriege", als er häufiger auf dem Ehrenbreitstein in Koblenz untergebracht war als in der Trierer Heilig-Rock-Kapelle. Nachdem die Reliquie 1790 wieder in Trier war, wurde sie im gleichen Jahr nach Ehrenbreitstein und 1794 von dort nach Würzburg gebracht. Auch Würzburg schien nicht mehr sicher, man floh mit dem Rock nach Bamberg, nach Böhmen, wieder zurück nach Bamberg und schließlich nach Augsburg.

Der damalige Kurfürst Clemens Wenzeslaus hatte 1802 auf sein Kurfürstentum und auf das Erzbistum verzichtet und sich in sein zweites Bistum Augsburg begeben. Dorthin wurde der Heilige Rock nun gebracht. Mit Unterstützung Napoleons gelang es schließlich 1802 dem von Napoleon eingesetzen Bischof Charles Mannay (1802-1816), den Heiligen Rock 1810 nach Trier zurückzuholen. Der Weg der Reliquie führte dann auch über das Saarland. Bis Saarbrücken konnte der Transport geheimgehalten werden. In Merzig gab es für das Volk kein Halten mehr, und Tag und Nacht kamen die Leute in die Kirche St. Peter, um zu beten. Auch die Ankunft in Trier sorgte für großes Aufsehen. Fast 230.000 Pilger kamen in der Zeit vom 9. bis zum 27. September 1810, um den Heiligen Rock zu sehen. Der Heilige Rock wurde fortan in einem neuen Ausstellungsschrein (der bis 1933 benutzt wurde) gezeigt und in der Heilig-Rock-Kapelle im Altar des Ostchores aufbewahrt.

Die nächste große Wallfahrt fand vom 17. August bis zum 6. Oktober 1844 statt. Über eine halbe Million Pilger kamen nach Trier, um den Heiligen Rock zu sehen, der zuvor aus der Rückwand der Heilig-Rock-Kapelle gebrochen werden mußte. Nach Abschluß der Wallfahrt wurde die Reliquie wieder im Hochalter eingemauert. Wie 1844 war auch das nächste Wallfahrtsdatum, 20. September bis 4. Oktober 1891, eine politisch turbulente Zeit. Die Wunden des Kulturkampfes waren noch nicht verheilt. So fand diese Wallfahrt in einer Zeit religiöser und soziologischer Erneuerung der Kirche im Bistum Trier statt. Im Zeichen eines Aufbruchs der Katholischen Kirche gewann die Heilig-Rock-Wallfahrt an großer Bedeutung. Über 1.000.000  Pilger kamen aus allen Erdteilen nach Trier. Waren 1844 die Leute größtenteils zu Fuß gepilgert, so gab es jetzt ein gut funktionierendes Bahnnetz. Im Rahmen der Wallfahrt wurde für die Reliquie ein neues Behältnis geschaffen, in dem sie heute noch aufbewahrt wird. Dieser Schrein ist so groß, daß der Heilige Rock darin Platz hat, ohne daß er wie früher gefaltet werden muß. Dieser große Schrein passte nicht mehr in den Hochaltar. Als neuer Aufbewahrungsort wurde das spätgotische Domarchiv im Badischen Bau des Kreuzganges (seit 1974 Domschatzkammer) gewählt.

Die nächste Wallfahrt fand vom 23. Juli bis zum 10. September 1933 unter Bischof Franz Rudolf Bornewasser (1922-1951) statt. Sie lief synchron mit der Feier des Jahres 1933, die Papst Pius XI. angewiesen hatte. Im Hinblick auf die am 30. Januar 1933 zur Macht gekommene nationalsozialistische Partei wurde der Wallfahrt eine politische Motivationen nachgesagt. Dies ist jedoch ausgeschlossen, da der Entschluss zur Wallfahrt bereits früher feststand (angekündigt am 25. Januar 1933). Dennoch wurde die bis heute größte Wallfahrt mit mehr als 2 Millionen Pilgern von der Besorgnis über die künftige Entwicklung und die Machenschaften der nationalsozialistischen Machthabern überschattet.

Die Zeit des Zweiten Weltkrieges brachte für den Heiligen Rock wieder eine Auslagerung mit sich. Schon vor "Ausbruch" des Krieges, am 29. August 1939, wurde die Reliquie nach Limburg/Lahn verbracht und hat sich dort offenbar ohne Verbringungen an andere Orte in Sicherheit befunden, ehe sie kurz vor dem 9. Oktober 1944 nach Trier zurückgebracht wurde. [Berichte über eine weitere Auslagerung von Limburg nach Fulda haben sich durch neuere Forschungen als unrichtig erwiesen.] Als 1944 Trier wieder in unmittelbare Gefahr geriet, wurde die Reliquie nicht mehr ausgelagert, sondern in Trier im damaligen Dombunker gesichert.

Die erste Heilig-Rock-Ausstellung und Wallfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg fand vom 19. Juli bis 20. September 1959 statt. 1,8 Millionen Pilger kamen nach Trier und sahen die "Tunika Christi", welche über dem Hochalter des Ostchores ausgestellt war. In seiner Silvesterpredigt 1992 hatte Bischof Dr. Hermann Josef Spital die Gläubigen zur dritten Heilig-Rock-Wallfahrt in diesem Jahrhundert eingeladen. Da der Heilige Rock aus konservatorischen Gründen nicht mehr hängend aufbewahrt werden darf, wurde er liegend unter einem klimatisierten, luftdichten Glasschrein ausgestellt. Die Bistumswallfahrt 1996 brachte noch einmal eine große Herausforderung mit sich - und wurde zu einem großen Fest, über dem "Der Zauber des Heils" lag - so ein verbreiteter Eindruck. Über eine Million Pilger haben Trier und den Dom besucht, um den Heiligen Rock zu sehen.

Fünfhundert Jahre nach der ersten "Zeigung" (1512) stand die Christus-Wallfahrt 2012 unter dem Leitwort "und führe zusammen, was getrennt ist". Sie hatte einen starken ökumenischen Akzent - womit sie die ungeteilte Tunika als Symbol der Einheit der Kirche in den Vordergrund stellte.